Pressestimmen: Blutfunde

In einer stürmischen Nacht werden im Mittelmeer Flüchtlinge über Bord eines Schlepperschiffes gezwungen. Fast alle ertrinken. In den folgenden sechzehn Tagen entwickelt sich eine Spirale von Gewalt, Verrat und einer erstaunlich effizienten Hilfe. Erstaunlich nicht nur, weil man gegen mafiose Strukturen ankämpfen muss, sondern auch, weil es um die Beweiserbringung über ein groß angelegtes internationales Schleppernetz geht, - und zu viele politische Institutionen sich mit Scheuklappen abwenden, sich vor der Verantwortung drücken.

In die Tragödie sind Hakim, ein ägyptischer Polizeioffizier, Gioia, eine römische Anwältin, ihr Bruder Teo, ihre englische Freundin Jane und deren Verlobter John verwickelt. Vor allem aber erweisen sich eine Handvoll Karmeliterinnen in einem armseligen Kloster nahe der Küste als die eigentlichen Heldinnen. Sie werden von einem Arzt und seiner Frau handfest unterstützt, aber gleichzeitig müssen sie sich auf ein nervenaufreibendes Versteckspiel einlassen, denn im Dorf, zu dem das Kloster gehört, leben Mörder, die sich bedrängt fühlen. Hakim weiß zu viel, und nicht alle überlebenden Schiffbrüchigen sind erschossen worden. Ein wahrer Showdown beginnt, als klar wird, dass zu viele Helfer involviert sind und zu viele Verfolger ihre diversen Geschäfte in Gefahr sehen.

Jutta Motz hat bereits mit ihrem Krimi „Späte Seilschaften“ angekündigt, dass der Wirtschafts- und Bankwelt nicht mehr ihr ausschließliches Interesse als Krimiautorin gilt. Mit „Blutfunde“ stellt sie die Versäumnisse Europas und vor allem die blinde Schwäche europäischer Gerichte vor, deren Gerechtigkeitsfindung pervertiert wird: das Jahrhunderte funktionierende Hilfssystem Schiffbrüchigen gegenüber wird im Massenansturm afrikanischer und arabischer Flüchtlinge zu Grabe getragen.

Jutta Motz hat sich mit der herrschenden Rechtslage auseinandergesetzt, recherchiert und vor Ort mit Betroffenen gesprochen. Nachwort und beigefügte Literaturliste zeugen davon. Dies macht den vorliegenden Thriller zu einem guten Vertreter der in der englischsprachigen Welt so häufigen und bei uns viel zu seltenen Krimis, denen investigativer Journalismus zugrunde liegt. Ihr ist ein spannender Roman gelungen, kein erhobener moralischer Zeigefinger richtet, die Stereotypen, die Thriller, im Dunstkreis der Mafia angesiedelt, immer wieder aufweisen, erhalten hier ein wunderbares Gegengewicht. Denn hinreißend gelang Jutta Motz die Beschreibung der Karmeliterinnen, sie überzeugen mit all ihren Schwächen und Ängsten.

Gekonnt erweckt die gelernte Kunsthistorikerin auch Plätze und historische Orte zum Leben. Die Beschreibung eines lokalen Hintergrunds gerät nie zum Baedekker-Zitat, sondern zieht den Leser direkt weiter in die Handlung hinein. Jane und John haben bisher Flüchtlingstragödien nur aus den Medien gekannt, plötzlich müssen sie Farbe bekennen: sind ihre Ideale realisierbar? Gioia und Teo sind Träumer und Praktiker zugleich, versuchen, Schlupflöcher im Gesetzeswirrwarr zu finden und Ungerechtigkeiten zu entschärfen. Dass das gefährlich sein kann, zeigt Jutta Motz mit einem dichten Handlungsbogen voller spannender Details.

Dieser gut konstruierte Plot, die vielen Schicksale, die ineinander greifen, und das alles innerhalb eines zeitlich recht begrenzten Rahmens machen die Qualität von „Blutfunde“ aus. Der wahre Fall der Cap Anamur, der viel zu wenig Öffentlichkeit aufgerüttelt hat, erhält mit diesem Roman einen hoffentlich von Vielen gelesenen Nachgesang.

Beatrix Kramlovsky

 

Menschenhandel im Mittelmeer
buchmedia magazin | Frühjahr 2013

Einem viel dramatischeren und beschämenden Thema nimmt sich Jutta Motz an: Menschenhandel, Flüchtlingshelfer, skrupellose Lokalgrössen und eine Politik, die vor dem Problem schon lange kapituliert hat. Hakim Mahmud, Kripochef von Kairo, will den Machenschaften auf den Grund gehen und begibt sich undercover auf die gefährliche Reise übers Mittelmeer nach Italien. Was er erlebt, ist kaum zu glauben. Mitten auf dem Meer werden die Flüchtlinge gezwungen auf ein anderes Boot umzusteigen, das wiederum mit Absicht gerammt wird. „Irgendwo zwischen Nordafrika und Süditalien versank ein alter Fischerkahn mit über 200 Menschen an Bord“, heisst es in „Blutfunde“. Hakim und ein paar weitere Menschen können sich retten. Willkommen sind sie nicht in Italien und ganz besonders nicht hier in Apulien.

Schwester Annunziata macht auf dem Rückweg zum Kloster eine erschreckende Beobachtung. In einem Steinbruch wird sie Zeuge, wie sechs Männer, halbverhungert mit nassen Lumpen am Leib, erschossen werden. Unter den Tätern sind auch der Bürgermeister und der örtliche Priester. Für die Mutter Oberin ist klar, dass sie handeln muss, sehr vorsichtig handeln muss. Und so findet die Gruppe um Hakim Unterschlupf im Kloster. Mit Hilfe engagierter Anwälte, der heimlichen Unterstützung aus dem Vatikan und der britischen Botschaft, gelingt es schliesslich, die Gruppe zu retten.

Geschickt verwebt Jutta Motz weitere Motive in den Roman, die von Kriegsverbrechen in Afrika bis zu Korruption und Waffenhandel reichen. Nicht ohne zu betonen, dass ohne Zivilcourage, auch wenn die Ergebnisse nur ein Tropfen auf den heissen Stein sind, noch viel mehr Unglück und Elend in der Welt wären.

 

Bibliothekarische Dienste - Bibliographie
ekz-Publikation ID bzw. IN 2013/18

An Spannung fehlt es dem Roman von Jutta Motz ein bisschen, dafür erzählt sie etwas zu
langatmig. Aber ansonsten ist es ein sehr interessanter, fesselnder Roman über einen ganz
ungewöhnlichen Kriminalfall. Es geht um sogenannte Boatpeople, die auf einer Passage
nach Italien einfach ins Meer geworfen werden, hauptsächlich Frauen und Kinder. In einem
Kloster stranden sie, werden aufgenommen, verpflegt, medizinisch versorgt. Das alles muss
heimlich geschehen, denn die Ortsbehörden stehen auf der anderen Seite. Als die Nonnen
dann noch unter Steinen versteckte Leichen vermuten , wird es brenzlig für sie.
Menschenrechtsaktivisten aus Rom wollen helfen, Privatleute, ein ägyptischer Kommissar
und auch Militärangehörige, aber mit der Geheimhaltung wird es immer schwerer, zumal im
Kloster das medizinische Know-how fehlt und die Waffenlobby nicht weit ist. Die Autorin
(zuletzt "Späte Seilschaften", BA 1/09) hat genauestens recherchiert und einen ergreifenden
Roman vorgelegt, der zornig macht angesichts der Hilflosigkeit in Sachen Menschenrechte
und ihre Durchsetzung.

Ulrike Kieser-Hess

 

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