Nachwort

Die dem Roman zu Grunde liegenden Ereignisse sind leider nicht frei erfunden, aber so verfremdet, dass sie nur marginale Beziehung zum tatsächlichen Geschehen haben. Die handelnden Personen sind alle frei erfunden, ebenso ihre Namen. Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Toten wären zufällig.

Am 25.12.1996 kamen bei einem Schiffbruch südlich von Sizilien 283 Flüchtlinge um. Sie waren von der Mannschaft der „Yiohan“ mit Waffengewalt gezwungen worden, trotz stürmischer See in ein kleines Boot umzusteigen, das kurz darauf kenterte. Selbst Unterwasseraufnahmen des zerbrochenen Bootes in 112 Metern Tiefe konnten nicht zweifelsfrei klären, ob es sich um ein Unglück wegen des stürmischen Wetters oder um Mord handelte. Das kleine, überladene Holzboot wurde gerammt und brach auseinander. An Bord befanden sich Inder, Pakistani und Indonesier. Schiffbrüchige, die über Bord springen konnten, wurden von einem griechischen Frachter gerettet und nach Nauplia gebracht. Obwohl die Überlebenden der griechischen Behörde berichteten, der Journalist John Hooper der britischen Zeitung Observer recherchierte und der Sender „Discovery“ über die Ereignisse einen Filmbeitrag sandte, obwohl die römische Senatorin Tana de Zulueta sich der unglaublichen Geschichte annahm, wurden die Ermittlungsverfahren gegen den Schiffseigner und den Kapitän eingestellt, da sich das Geschehen in internationalen Gewässern abspielte.

In den letzten Jahren hat sich die Situation der Flüchtlinge im Mittelmeer und in den Weltmeeren zugespitzt. Die Pflicht des Kapitäns zur Hilfeleistung und Rettung Schiffbrüchiger ist pervertiert. In Yachtzeitschriften wird der Skipper darauf hingewiesen, welchen Gefahren er sich bei der Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer aussetzt. Der Bootseigner und Retter läuft Gefahr, sein Schiff, seine Yacht zu verlieren und wegen Schlepperei angeklagt zu werden. Ein Beispiel dafür ist der unglaubliche Verlauf der letzten Irrfahrt der Cap Anamur mit 37 schiffbrüchigen Flüchtlingen an Bord im Jahr 2004. Trotz Versprechen und Zusicherungen von behördlicher Seite, sind die in Sizilien nach langem Tauziehen an Land gegangenen Flüchtlinge ungesetzlich, ohne Anhörung oder Gerichtsverfahren umgehend ausgeschafft worden. In Sizilien wurde Anklage gegen den Kapitän und Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur wegen Schlepperei erhoben. Elias Birdel wurde erst nach jahrelangem Prozess 2009 freigesprochen.

Von den europäischen Mittelmeerländern, die alle von dem anhaltenden Flüchtlingsstrom überrannt werden, wird Italien, und da insbesondere die Insel Lampedusa, immer wieder in der Presse genannt. Italien war im Umgang mit den Tausenden von Flüchtlingen rigoros. Sie wurden fast alle ohne Anhörung, ohne ein Asylverfahren, so schnell wie möglich abgeschoben. Ein mit Libyens Ghadafi geschlossener Vertrag erlaubte Italien bis zum Ende der Regierungszeit des Diktators die Rückschaffung von Flüchtlingen, die unter unmenschlichen Bedingungen in Auffanglagern und Gefängnissen gehalten wurden, zum Teil der Folter ausgesetzt waren oder in Einzelfällen in der Wüste ausgesetzt wurden. Dass diese Aktionen nicht nur geltendes italienisches Recht, sondern auch die Menschenrechte verletzen, wurde erst in einem Urteil des Strassburger Menschenrechtsgerichtshofs 2012 geahndet.

Nach wie vor fördert die europäische Wirtschaftpolitik die Armut afrikanischer Staaten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Westafrikanern ist das Fischen in ihren eigenen Gewässern verboten, da europäische Fischereiflotten diese Rechte von den jeweiligen Machthabern, durch Zahlungen in Millionenhöhe, erworben haben. Es ist nur folgerichtig, dass die nun ‘nutzlos’ gewordenen Fischerboote zum Transport von Flüchtlingen verwandt werden. Die Kapverdischen Inseln wurden von Westafrika aus zum bevorzugten Anlaufziel.

Ein anderes Beispiel beleuchtet die Problematik des in diesem Zusammenhang stark kritisierten Griechenlands. Die Insel Mytilini (Lesbos) in der Ägais liegt nur wenige Seemeilen von der türkischen Küste entfernt. 2008 kamen von dort über 15.000 Flüchtlinge aus Asien und Afrika. Die Insel selbst zählt nur knapp über 90.000 Einwohner.

Eine militärische Lösung glaubt die EU in der internationalen, europäischen Truppe Frontex gefunden zu haben. Aber auf welcher Rechtsgrundlage weisen Schiffe der Frontex mit Flüchtlingen überladene Boote an, den Weg zurück in Länder anzutreten, wo Folter und Gefängnis auf sie warten - wenn diese sich noch in internationalen Gewässern befinden? Gemäss dem Dubliner Verordnung muss derjenige europäische Staat, den ein Flüchtling zuerst betritt, für diesen besorgt sein, dort muss der Antrag auf Asyl gestellt und überprüft werden. Dieser Forderung können die europäischen Mittelmeeranrainer bei der grossen Zahl von Immigranten nicht mehr nachkommen. Auf die Hilfe der EU, von Ministerpräsident Monti gefordert, warten sie.
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Italien wurde als Handlungsort für diesen Roman wegen seiner hohen Anzahl von Flüchtlingen gewählt: wenige nur können Asyl beantragen, die meisten leben illegal, sind untergetaucht, befinden sich in sexueller Abhängigkeit oder werden in einer Art Halbgefangenschaft gehalten. Andere warten in Camps auf ihre Ausschaffung, die zurzeit gestoppt ist. Diese Menschen bestimmen heute das Strassenbild der Städte und Ortschaften. Geeignete Hilfsmassnahmen zu finden, um die Mittelmeerländer mit ihren Flüchtlingsströmen zu unterstützen, ist der EU bisher nicht gelungen.

Bei der Suche nach einer überregional arbeitenden, hilfsbereiten Organisation, die sich nicht merkantilen Gesetzen, sondern der Menschlichkeit verpflichtet fühlt, fiel die Wahl der Autorin auf einen christlicher Orden, in diesem Fall auf die Karmeliterinnen. Es galt eine Organisation zu finden, die sich eine gewisse Unabhängigkeit im Denken bewahrt und die der lokalen Gesetzgebung neutral gegenüber stehen darf. Innerhalb der Ordensgemeinschaft kann ein bestehendes Netzwerk nicht nur zu anderen Orten, sondern auch zu Institutionen geknüpft werden. Abgeschlossen hinter Klostermauern, liessen sich die fiktiv angelandeten Schiffbrüchigen zum einen im Kloster besser verbergen und konnten dort die notwendige Pflege erhalten. Ob dieser in der Krankenpflege tätige Orden überhaupt in Süditalien ein Kloster unterhält, ist unbekannt. Diese Ordensfrauen stehen als Sinnbild für Hilfsbereitschaft, Entschlusskraft und mutigen Einsatz. Die Personen und die Handlung wie auch der Ort sind frei erfunden.

Jutta Motz

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Elster Verlag
Gebunden, ca. 360 Seiten
ca. Fr. 34.80 / Euro (D) 26.00
ISBN 978-3-906065-01-4
Erscheinungstermin:
März 2013

 

 

Blutfunde

Gnadenlos gejagt …

Was als Ferienreise beginnt, entwickelt sich zu einem Alptraum. Jane und ihre Freundin, die Anwältin Gioia, werden in Rom Zeuginnen eines Mordes. Er treibt sie in den Süden, dort, wo Schlepperbanden Zehntausende von Flüchtlingen einschleusen und viele elend im Wasser umkommen – unfreiwillig werden die beiden zu Rettern der Opfer in einer mörderischen Jagd. Ein aktueller Roman zu einem Drama, das an den Grenzen Europas tagtäglich stattfindet.